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Die Ausbildung zum ehrenamtlichen Suchtkrankenhelfer: Selbsthilfe als unverzichtbarer Bestandteil der Suchthilfe

Als eine Fachgruppe 1969 beim Bundesverband des Blauen Kreuzes in Wuppertal-Barmen mit der Konzeption eines Ausbildungsprogramms für ehrenamtliche Suchthelfer*innen begann, konnte sie nicht ahnen, welcher nachhaltige Erfolg diesem Programm beschert sein würde.

Heute, genau 50 Jahre später, können die Veranstalter mit Stolz auf eine große Zahl ausgebildeter Helfer*innen blicken, die selbst zu einem unverzichtbaren Element im Behandlungsverbund der Suchthilfe in Deutschland geworden sind.

Ich will hier im Weiteren nicht auf Teilnehmerdaten, Veranstalter und beteiligte Verbände eingehen, dies ist bereits an anderer Stelle geschehen. Vielmehr möchte ich mich auf ein paar wesentliche Gestaltungselemente dieser Ausbildung konzentrieren, die schließlich für den Erfolg ausschlaggebend gewesen sind.

Die Tatsache, dass Sucht und Abhängigkeit sozialrechtlich erst seit 1968 anerkannt ist, zeigt, dass die Definitionsmacht, was an einer Suchterkrankung als „krankhaft“ einzustufen war, bis zu diesem Zeitpunkt nicht im medizinischen Versorgungsbereich, sondern eher im Bereich der staatlichen und kirchlichen Sozialarbeit angesiedelt war.

Folgerichtig haben die dort beteiligten Berufsgruppen früh erkannt, welch hohen Stellenwert die psychosoziale Situation eines Menschen bei der Entstehung und im Verlauf einer solchen Erkrankung hat und wie dieser Tatsache im Behandlungsprozess Rechnung zu tragen ist.

Somit war der Gedanke, dass die Hilfe zur Selbsthilfe von entscheidender Bedeutung ist, gar nicht mehr so fern, allerdings verbunden mit der Notwendigkeit, dass dazu dennoch eine gewisse Schulung/Ausbildung von Nöten ist.

Der GVS, die Bundesverbände der Blauen Kreuze, die Landesverbände der Diakonischen Werke hatten seinerzeit ein Ausbildungsprogramm entwickelt (100 /120-Stunden Programm) und vielen ehemaligen Suchtkranken, aber auch ihren Angehörigen und sonstigen Interessierten zur Teilnahme angeboten.

Mit dieser Hineinnahme in das Hilfesystem (z.B. als erste Anlaufstellen, zum Erstkontakt und in der Nachsorge, später in den Selbsthilfegruppen) haben vor allem die Betroffenen Verantwortung erhalten; sie konnten Mitbetroffenen helfen, ihre Erfahrungen weitergeben und sich somit zu festen Partner*innen des Hilfesystems entwickeln. Dies gab es in jenen Jahren in keinem anderen medizinischen Versorgungsbereich.

Die Grunderfahrung, dass ein/e selbst betroffene/r Helfer*in ein besonderes Vertrauen bei seinen/ihren Mitbetroffenen genießt, war und ist die Grundlage dieses ehrenamtlichen Dienstes. Gleichzeitig übernimmt er/sie eine würdevolle Aufgabe, die auch das Selbstbewusstsein stärken kann.

Mit diesem Konzept haben die damaligen Verantwortlichen die Blaupause geliefert für andere Patient*innengruppen, bei denen es heute auch üblich ist, sich in Selbsthilfegruppen zu organisieren (z.B. in der Rheumaliga etc). Der/Die Patient*in wird nicht mehr nur passiv „ behandelt „, sondern er/sie „handelt" selbst mit und beeinflusst damit auch seine/ihre eigene Bewältigung dieser Krankheit.

Diese aktive Beteiligung zielt direkt auf die positive Gestaltung des Lebensumfeldes und der sozialen Situation des/der Suchtkranken ab und beeinflusst somit wichtige Faktoren in seinem/ihrem Leben, die zur Suchtentwicklung beigetragen haben können. Gemeint ist hier z.B. eine länger bestehende Arbeitslosigkeit, die zu wirtschaftlichen Problemen geführt hat und den betroffenen daran hindert, auf neue Berufschancen zuzugehen.

So brauchen Betroffene verlässliche Partner*innen, Menschen, die sie begleiten und somit die äußeren Rahmenbedingungen zu verbessern helfen.

Bei den Inhalten des Ausbildungsprogramms für freiwillige Helfer*innen in der Suchthilfe geht es insbesondere um die Schulung für den Erstkontakt, zur Gesprächsführung und zum Umgang mit Angehörigen, die selbst oftmals zu Hilfesuchenden geworden sind.

Besonders wichtig ist also Beziehungskonstanz und eine vertrauensvolle Hinführung in das professionelle Hilfesystem, je nachdem wie es der Einzelfall erforderlich macht. Betroffenen wird somit die Teilhabe an einem umfassenden Hilfeplan ermöglicht, so wie es die Bestimmungen des SGB IX fordern.

In der Ausbildung werden die Helfer*innen auch eingeladen, sich mit ihrer künftigen Rolle auseinanderzusetzen, sich über ihre Motivation zu diesem Dienst und auch über dessen Begrenzung Gedanken zu machen, denn Achtsamkeit und Selbstfürsorge gehören ebenso dazu wie der engagierte Einsatz für die betroffenen Suchtkranken.

Christinnen und Christen, die sich häufig zu Suchthelfer*innen ausbilden lassen, verstehen diesen Dienst darüber hinaus oft als Beitrag zur aktiven Nächstenliebe.

Irene Helas
(ehemalige Leiterin des GVS Instituts für Fort- und Weiterbildung)