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Von Dr. med. Andreas Dieckmann

Sucht ist nur die Spitze des Eisberges – Konsequenzen für die Suchttherapeut*innenausbildung

Ein Eisberg zeigt nur etwa 10% seiner Ausdehnung über der Oberfläche. Getragen wird er von einer Masse, die 90% des Gebildes ausmacht. Wir lösen die Probleme gerne praktisch vom Symptom her, möglichst jenseits unserer Verantwortung. Wenn die Zahl der Überfälle bei Nacht steigt, fordern wir mehr Lampen, eine Infrarotkamera und die Verschärfung der Gesetze. Unsere Natur ist pragmatisch ausgelegt. Erst die Entwicklung einer Kultur lässt uns antizipieren, vernetzt und kybernetisch denken, dass ein Eisberg ohne seine große Wurzel keinen Bestand hätte. Erst die Kultur des Verstehen Wollens schützt vor dem meist repressiven Reflex gegenüber Problemen. Und das, obwohl der Blick in die Erfahrung zeigt, wie schnelle Lösungen in die Irre führen. Ursachen für das Ansteigen der Überfallrate zu finden und anzugehen ist mühsamer, bedarf der Selbstkritik und hat einen längeren Vorlauf bis zur gewünschten Wirkung.

Sucht und die Liebe zur klaren Einseitigkeit

Menschen, die sich mit beruhigenden, das Bewusstsein verändernden und aktivierenden Mitteln solange beeinflussen, bis sie schwerwiegende Anzeichen einer körperlichen und seelischen Erkrankung zeigen, unterliegen dem Prinzip der unmittelbaren Lösung. Wenn die Sucht für Menschen zum Problem wird, setzt eine Spirale bis zu dem Punkt ein, an dem es nur noch darum geht, Elend zu vermeiden, weil sie eine Alternative zu ihrem Verhalten nicht (mehr) kennen. Dies ist weitgehend unwidersprochener Konsens für schwere Verläufe der Suchterkrankung.

Wenn sich solche Menschen an das Suchthilfesystem wenden, richtet sich der Fokus allzu oft primär auf das Suchtverhalten und führt nach der Diagnose „Abhängigkeitserkrankung" auf ein Ziel: Abstinenz. Abstinenz ist allerdings kein Behandlungsfokus, sondern lediglich ein Werkzeug.

Jede*r Suchttherapeut*in weiß nach einiger Erfahrung, die Menschen kommen nicht wegen ihrer Suche nach einer „Abstinenz“, sondern befinden sich in der erwartungsvollen illusionären Hoffnung auf einen Ersatzstoff mit weniger Toxizität. Entsprechend der Erwartungsfolie nennen sie „Trockenheit“ oder „Abstinenz“ in der ihnen fremden Kultur der „Therapiegesellschaft“ als Therapieziel. Unter der Spitze des Eisberges phantasieren sie sich eine Ersatzdroge vom oder in Form einer Therapeutin oder eines Therapeuten. Obwohl die Therapeut*innen das wissen, bleibt Abstinenzübung das primäre (Macht-)Spiel zwischen ihnen und ihren Schützlingen, nicht die Funktion des Suchtmittels, nicht die Trauer um den Verlust des Allheilmittels.

Auch die Psychogenese der Erkrankung birgt ein reichliches Spektrum an therapeutischen Schätzen. Zunächst einmal bringt uns die Erhebung der Anamnese in Bezug auf die Beziehungen und Erfahrungen über das Leben und seine Verlaufsmöglichkeiten in aller Regel einen Einblick auf ein weites Feld der Versagung vieler für die Entwicklung wichtiger Aspekte:

  • den Mangel an liebender und bedingungsloser Aufnahme in dieser Welt, die Grundvoraussetzung für unser Selbstwerterleben ist,
  • den Mangel an Kontinuität der emotionalen und körperlichen sowie sozialen Beziehungsmuster, sodass sich nur sehr unvollständige innere Bilder über die Normalität von Beziehungen, kulturellen und ethisch bleibenden Werten entwickeln können,
  • den Mangel an Förderung der Funktionslust im Spiel als Vorbereitung für die spätere Gestaltungsfreude in der Arbeit als Grundlage der selbständigen Unterhaltssicherung,
  • die fehlenden Ich-Funktionen der Antizipation, des Triebaufschubs, des Verzichts, der Frustrationstoleranz und der Differenzierung des Gefühlslebens,
  • die Unfähigkeit der Nutzung des Wechsels von Spannung und Entspannung in der kurzen und längeren Dimension für eine angenehme Lebensqualität.

Sucht zeigt sich folglich als Ausdruck der Unfähigkeit zur Lebensbejahung, zum Genuss und schließlich des Verlustes der Funktionslust als Voraussetzung späterer Arbeitsfähigkeit und dient im Wesentlichen der Überwindung der Unlust, nicht etwa der Steigerung der Lust. Das Suchtmittel wird zum Lebenselixier, die Bewusstseinsänderung generiert allmählich eine doppelte Buchführung, dann die Distanzierung aus der realen Welt, hin zu einer irrealen „Zweitwelt“, die mit dem Suchtmittel eine Bewusstseinsänderung herbeiführt, deren Wirkung die Realitäten subjektiv irreal werden lassen.

Konkret bedeutet dies, dass Betroffene die reale Welt als die eigentliche Störung empfinden, aus unserer Sicht also eine Ich-syntone Einstellung entwickeln - nach dem Muster: hätte meine Frau sich nicht von mir getrennt, hätte die Polizei mir nicht den Führerschein genommen, wäre mir mein Arbeitsplatz erhalten geblieben, so hätte ich keine Probleme. Gegen eine solche Sicht ist die Abstinenz keine wirklich erfreuliche Alternative. Der süchtige Mensch hat entweder in seiner psychosozialen Entwicklung bereits keine Möglichkeit gehabt, aus dem Denken in dualen Kategorien herauszukommen oder diese Kategorien mit der kontinuierlichen Einnahme des Suchtmittels entwickelt. Es entsteht eine „wunderbare“ virtuelle Einseitigkeit.

Erstaunlich ist aber, dass sich die Macht dieser Einseitigkeit in ihrer oft durchaus nachvollziehbaren irrealen Logik wie Mehltau auf das therapeutische Geschehen legt. Therapie entartet zu einem Stellungskampf: die Notwendigkeit der Abstinenz wird den Betroffenen schmackhaft gemacht, die sie in ihrer Not hilflos mit bitterem Geschmack akzeptieren. Ein Rückfall wird sowohl von Patient*innen als auch von Therapeut*innen in aller Regel unbewusst als Niederlage und mit unterdrückter Wut aufgenommen, dann für nicht so schlimm erklärt, und die Suchtspirale beginnt von vorn - der Fokus bleibt dem Thema der Abstinenz vorbehalten.

Dennoch sollten wir uns freuen, dass die Selbsthilfebewegung, aus der die Suchttherapie jeder therapeutischen Couleur sich ableitet, dieses Muster mit dem durchaus demütigen Ziel bevorzugt: zufriedene Abstinenz! Diese kann die Selbsthilfebewegung durch ihre lebenslange Begleitung durchaus vertreten, nicht jedoch die temporär kurzzeitige therapeutische Begleitung mit ihren wichtigen Einschränkungen im Rahmen der therapeutischen Abstinenz. Das Proprium der Therapie gilt primär der inneren Not als Verursacherin der Sucht.

Perspektivwechsel

Nutzen wir die Allegorie des Eisberges, schauen uns den Eisberg von unten an und wundern uns zunächst über dessen weite Ausdehnung. Über dem Wasserspiegel haben wir einen kleinen oder auch etwas größeren typischen Berg gesehen. Hinter der Phänomenologie - unter dem Wasserspiegel - breitet sich der Berg aber mit seiner gesamten Problematik aus, die die Titanic zum Sinken brachte. Die Wurzel des Übels ist stabil, ist eher im Unsichtbaren beheimatet und vielschichtig zusammengesetzt.

Die Sucht ist nur der sichtbare Teil eines komplexen - zumindest psychopathologischen, soziokulturellen und biologischen - Gebildes. Von unten betrachten wir einen vielschichtigen Zusammenhang von der frühen Entwicklung mit ihren Chancen und Versagungen, dem Erwerb von Fähigkeiten und Eigenschaften, Talenten und Beziehungsmöglichkeiten bis zu den Entwicklungslücken und traumatischen Wunden, den Demütigungen und Verletzungen, die sich eben nicht verwachsen oder „härter machen“.

Aus diesem Dilemma kennt die Psyche verschiedene Auswege:

1) Die intrapsychischen Energien gleichen mit ihrer konservativen Tendenz zum Erhalt des Bestehenden die Distanz zum möglicherweise Erreichbaren durch Kompensationen aus: Naivität, schlichte Weltbilder, harmonisierende Weltanschauungen oder den Mangel ausgleichende glorifizierende Haltungen,

2) Entwicklung überkompensierender Leistungen wie körperliche Kraft, Aggressivität, Egozentrismus und Arroganz,

3) Depression, Persönlichkeitsstörung, Psychose und Suizidalität,

4) Sucht,

5) Flucht in „einzig wahre“ Ideologien, die den psychischen Mangel scheinbar ausgleichen.

Mit dieser Kenntnisnahme scheint die Vereinfachung „Sucht ist Sucht ist Sucht“ sich zu erweitern auf die Feststellung, dass wir wohl süchtige Verhaltensweisen erkennen können, aber auch zu berücksichtigen haben, dass Sucht eine der Auswirkungen seelischer Bedrängnis sein kann. Das meinten die frühen Psychoanalytiker, insbesondere Balint, mit dem Begriff der „Grundstörung“. Deshalb ist das Therapieziel Abstinenz zu kurz gegriffen. Wenn die Realität süchtiger Menschen einer „Zweitwelt“ entspricht, kann es nicht primäres Ziel sein, diese Illusion zu zerstören.  

Die „Zweitwelt“ ist nämlich Ausdruck kreativer Gestaltungsmöglichkeiten der Betroffenen. Das 2018 erschienene Buch „Die Klarheit“ von Leslie Jamison ist ein monumentaler Spiegel solchen Erlebens und erfreut sich in Betroffenenkreisen großer Beliebtheit.  Im Zweifel ist es sinnvoll, davon auszugehen, dass dem suchtkranken Menschen die vielen Abstraktions-, Kompensationsmöglichkeiten und Alternativlösungen nicht toxischer Natur gar nicht zur Verfügung stehen. Diese Funktion hat das Suchtmittel übernommen. Dieser Zusammenhang lässt die suchenden Therapeut*innen besser verstehen, dass Patient*innen entgegen ihrer Aussagen eben nicht die Abstinenz anstreben, sondern den ebenso wirksamen „Ersatz“ für das Suchtmittel suchen.

Was bist Du, Mensch, in dieser Welt? - Die Optimierung des flexiblen Menschen!

In der klassischen Betrachtungsweise der Sucht wird zumeist ein Wechselspiel „Person – Droge – Umwelt“ dargestellt. Dabei wird der Einfluss der Umwelt häufig sträflich vernachlässigt. Die Psychoanalyse betont die psychosoziale Entwicklung aus den Lebenserfahrungen, die Verhaltenstherapie das Erlernen dysfunktionalen Handelns, systemische Ansätze die Interaktionen im Kontext von Familie und Gesellschaft und die Sozialarbeit die individuelle, familiäre und soziale Situation.

Arbeit entwickelte sich in den frühen Zeiten aus dem Kontinuum der Lebensabläufe der Natur, den Möglichkeiten und Notwendigkeiten der Umgebungsbedingungen. Die meisten Tätigkeiten bezogen sich auf die unmittelbare Sicherung des Unterhalts. Mit der Industrialisierung entwickelten sich feste Arbeitszeiten mit Grenzen zwischen beruflicher Tätigkeit und privat verfügbarerer Zeit. Heute hat sich das in vielen Berufen wieder relativiert. Einen wesentlichen Faktor, der für den Rhythmus des Körpers und der Seele von Bedeutung ist, bildet der Wechsel von Spannung und Entspannung. Der Mensch verbleibt in einem ständigen Arousal der Aufmerksamkeit im Zwischenhirn, so dass es nicht mehr zur Entspannung und Regression im Dienste des Ich kommen kann.

Zugespitzt: In der modernen Arbeitswelt wird der Mensch als Humankapital gesehen. Er handelt also nicht selbstbestimmt und verantwortlich, sondern ist Funktion. Gerade wurde gesellschaftlich erkannt, welche immense Bedeutung die Pflege im Gesundheitssystem spielt, da werden schon wieder Überlegungen angestellt, ob nicht Künstliche Intelligenz die Pflegenden unterstützen kann.

Der Mensch soll möglichst optimal, also effektiv und gewinnbringend arbeiten. Dies bedeutet, dass Arbeitnehmer*innen nicht ihre wachsenden Erfahrungen in den Arbeitsprozess einbringen, sondern vorwiegend in Update - Fortbildungen optimiert werden. Der Schwerpunkt liegt nicht in der Erweiterung der Kenntnisse über das Erfahrungswissen zur Weiterentwicklung in ihren Arbeitsfeldern. Das übernimmt der Computer. Die Tätigkeit wird an einem Kriterium evaluiert: dem ökonomischen Wert. Der Chefarzt einer klinischen Abteilung erhält seinen Bonus vorwiegend für die wirtschaftliche Entwicklung seines Arbeitsbereichs, nicht für den sich schwer messbaren medizinischen Erfolg. Es entfällt sowohl die dem Menschen immanente soziale Komponente als auch die kommunikative Verbindung der einzelnen Abläufe zu einem komplexen Ergebnis.

Für unser Thema ist entscheidend, dass die Arbeitswelt sich zunehmend von den Werten menschlicher Bedürfnisse entfernt. Identifikation mit der Arbeitsstelle und Bindung an die Ziele und Werte des Betriebs, Liebe zu dem Arbeitsfeld sind heute nur gefragt als temporäre Loyalität. Eine echte Haltung der Zugehörigkeit hindert eher die gewünschte Flexibilität.

Der Soziologe Richard Sennet hat 2000 eine Reihe solcher Feststellungen unter der Überschrift „der flexible Mensch“ zusammengefasst und den Unterschied von Selbstoptimierung und Bildung herausgearbeitet. Der Soziologe Hartmeyer hat eine Studie zur „deutschen Situation“ 2012 so bilanziert: “Entsicherung, Richtungslosigkeit und Instabilität sind zur neuen Normalität geworden.“

Hinter dieser Fassade gehen die Menschen zunehmend in den Rückzug, wenn sie sich in ihrem kulturellen Rhythmus von Haltung zur Arbeit, Lebensablauf und Identität nicht mehr finden oder das Gefühl besteht, individuell und gesellschaftlich nicht mehr Teilhaber*innen am eigenen Haus zu sein. Rückzug heißt dann Einzug in die verständliche Welt, wie sie die süchtig denkende „Zweitwelt“ darstellt. Alternativen sind Parteien, die sich auch so nennen, und andere Irrungen aus dem Mangel an innerer Haltung.

Dieser Rückzug wird über einen längeren Leidensweg das Tor in die Beratungsstelle über den Weg des Verlustes einer oder mehrerer der drei Säulen sozialer Sicherheit: soziale Kontakte, Erwerbsarbeit, Wohnung. Zwei entfallende Säulen leiten offenbar an eine unsichtbare, semipermeable normative Grenze sozialer Akzeptanz. Spätestens nach dem Verlust zweier dieser Säulen kommt es über einen ungünstigen Krankheitsverlauf zu einem Paradigmenwechsel, der einen Wiederaufstieg deutlich erschwert. Betroffene werden zu Außenseitern, Sündenböcken und gehören nicht mehr dazu. Das ist eine der ärgsten emotionalen Empfindungen, die ein Mensch erleben kann und ist eng verknüpft mit fehlender Spiritualität und mangelnder Weltanschauung. Er ist ein Opfer wachsender Ungleichheit geworden.

Eine Fall-Vignette kann das Problem vielleicht skizzieren:

Der unverheiratete 48-jährige homosexuelle Thomas stammt aus einer Zahnarztfamilie, in dem sich die Erziehungsstile gegenseitig kompromittierten. Neben der ängstlichen, häufig mit dem Vater im Streit liegenden Mutter, übernahm eine Halbschwester aus erster Ehe des Vaters wesentliche Erziehungsfunktionen. Die Geburt stand unter dem Trauma der Asphyxie, der noch Anfälle bis ins 3. Lebensjahr gefolgt sein sollen. Als im 12. Lebensjahr eine claustro- und agoraphobische Symptomatik eintrat, wurde er ausgeschult und Hausunterricht erteilt. Nach einer Gartenbaulehre gelang sogar das Sozialarbeiterstudium, in dessen Verlauf ein Alkoholabusus einsetzte, der sich spätestens im Alter von 24 Jahren zur Krankheit manifestierte. Thomas bevorzugte Einsatzstellen mit Klienten in ähnlichen Situationen, denen er sich nach und nach assimilierte und ihre Denkweisen übernahm. Er hat keine identifikatorischen Wuzeln mehr im System und findet seine Zugehörigkeit in der Ideologie des Außenseitertums. Das wird zu seiner individuellen Einzigartigkeit. Im Verlauf diverser Therapien und Rehabilitationsversuche mit durchaus erkennbaren Nachreifungsschritten und Zugewinnen im Bereich der Ich-Funktionen verlor er schrittweise über Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen und Zeitverträge die berufliche Identität, die materielle Existenzgrundlage, die Wohnung, den Kontakt zu den Eltern, Freunden und ehemaligen Kollegen. Seit Jahren scheitern Versuche rehabilitativer Maßnahmen trotz inzwischen bescheidener Ziele. Über 30 stationäre Aufenthalte in der Klinik haben in der Folge gelegentliche Teilansätze sozialer Stabilisierung scheitern lassen, weil die teilweise kontraproduktive Verzahnung von Hilfsangeboten den Spannungsbogen des Patienten überforderte und er den Weg auf die Straße und in den Alkohol „wählte“, von dem er sich durch gelegentliche stationäre Entgiftungen erholt.

Diese Krankheitsgeschichte geschah auf dem Hintergrund der Zunahme neoliberaler Entwicklungen, in denen Gesundheitszentren allmählich zu Profitcentern wurden und der rasche Personalwechsel Kosten sparte, so dass Identifikation mit der Arbeit ebenso unmöglich wurde wie kontinuierliche Betreuung. Inzwischen beobachten Sozialpsycholog*innen eine transgenerationelle Weitergabe solcher Problemkonstellationen.

Gelähmte Therapeut*innen

Therapeut*innen sind bekanntlich auch Teil dieser Gesellschaft und unterliegen deren Mechanismen. Sie sind in ihrem eigenen System genau diesen Einflüssen ausgesetzt. Auf sie wirken die gesellschaftlichen Mechanismen: Sie sind selbst Humankapital im Gesundheitssystem - oder fühlen sich so. Es lockt dann die Identifikation mit dem Aggressor wie die Übernahme der Kostenargumente in das therapeutische System mit Mechanismen wie die Entlassung bei Akuisierung der Symptomatik.

Möglicherweise hadern Therapeut*innen inzwischen mit ihrer Weltanschauung oder aber verabsolutieren sie so, dass sie die spirituelle Dimension der Therapie, die in den vergangenen Jahren zunehmend in die Diskussion gekommen ist, zum Anlass nehmen, statt der Therapie, ihre eigene Gläubigkeit zu predigen. Das wäre übrigens auch ein Beispiel für den Verlust der Differenzierung – sowohl in psychologischem als auch in theologischem Verständnis.

Burnout - Seminare sind der große Renner in den sozialen Hilfeberufen. Nach meiner Erfahrung treffen sich dort zwei Gruppen: Die überkompensierend Aktiven und die in Hoffnungslosigkeit gefallenen zynischen Mitarbeiter*innen, also die - psychodynamisch betrachtet - in schwarz- oder weiß-Kategorien Polarisierten.

... blickt über den Tellerrand ...

Die Komplexität des Themas lässt leicht den inneren Rückzug als alternative Versuchung spürbar werden. Genau das ist der Impuls, den wir für unser berufliches Selbstverständnis brauchen. Stehe ich mit meiner Art und Weise der therapeutischen Anwendung meiner Fähigkeiten noch in den Notwendigkeiten der Therapie unter den aktuellen Bedingungen? Stimmt mein Kompass noch?

Hier hilft altes Werkzeug: Die therapeutische Ich-Spaltung, die Fähigkeit, empathisch durch die Brille der Patient*innen zu schauen, ihre Leiden zu erleben und dann, nach einem Schritt zurück, die Situation von außen zu beschauen. Therapeut*innen brauchen eine gesellschaftliche Empathie, die Bereitschaft, zu verstehen und nicht reflexhaft zu handeln, wie es eine gesellschaftliche Neigung ist. Die Besinnung auf unsere Kultur weist uns den Weg von der Hoffnung auf die Heilsamkeit der Notfallreflexe hin zu der langfristigen Erhaltung und Bewahrung der humanen Werte.

Dazu gilt es, die Anwendungsformen der Grundwerte zu überprüfen. Werden Sie „von außen“ bedroht, steuert der gesellschaftliche Diskurs regelmäßig in die Richtung: Toleranz für andere Kulturen, aber keine Toleranz für die Missachtung unserer Kultur und regrediert in genau die Position, die nicht toleriert werden soll. Hier ist ein Übungsfeld für Therapeut*innen, nämlich die jede Routine verhindernde ständige Suche, der Bewahrung der eigenen humanen – sprich therapeutischen – Haltung. Haltung ist kein Lehrbuchdogma, dem die Praxis fehlt, sondern die Notfalltasche für den eintretenden Konflikt.

… und fragt selbstkritisch: Hat (meine) Suchttherapie noch eine angemessene Orientierung?

Suchttherapie heute heißt deshalb,

…Therapeut*innen brauchen eine Haltung, um patient*innenzentriert arbeiten zu können.

…Therapeut*innen brauchen einen soziologischen Blick in Gesellschaft, Kultur und die soziale Community ihrer Klientel.

…Therapeut*innen brauchen regelmäßige Reflexion über das therapeutische Handeln (Supervision).

...Therapeut*innen brauchen innere Unabhängigkeit von den Zügeln gesellschaftlicher Anforderungen.

…Therapeut*innen richten den Fokus auf das seelische Elend.

...Therapeut*innen können das seelische Elend professionell empathisch verstehen.

... Therapeut*innen können die professionelle Empathie den Betroffenen zuteilwerden lassen.

... Therapeut*innen können die Trauer um den Verlust des Suchtmittels zulassen.

... Therapeut*innen können mit den Betroffenen auf die Suche nach der (bescheidenen Dimension der) "Einzigartigkeit" des Menschen gehen.

…Therapeut*innen brauchen eine Kultur des Blicks in die soziale Umwelt und ein Wissen über ihren Standpunkt.

 

Daher brauchen Therapeut*innen für effektives Arbeiten eine vertrauensvolle Atmosphäre in einem Team, die Arbeit in Intervision (Co-Therapeuten-System), Supervision und angemessene Anstellungsbedingungen. Einrichtungs- und Kostenträger wissen aus Studien, dass ein in das Rehasystem investierter Euro fünf davon in das Bruttosozialprodukt spült.

Unter solchen Bedingungen kann die Energie auf ein wirksames Therapiesetting gesetzt werden, das die Funktion der Sucht für die Patient*innen versteht, Alternativen entwickelt, die Trauer um den Abschied von dem lange hilfreichen Stoff oder Verhalten zulässt und bearbeitet und Zeit gewährt für die Einübung eines Genusses, der nicht mehr auf Euphorie, sondern Zufriedenheit ausgerichtet ist.

Die Kultur der (therapeutischen) Grundwerte erweist sich als stabil, wenn deren Vertreter*innen von der Spitze bis zur Wurzel des Eisbergs ihre Haltung bewahren.

Auf dem Hintergrund solcher Überlegungen entstand die Revision des Ausbildungscurriculums für Suchttherapeut*innen beim GVS. Neben der bewährten Selbsterfahrung, die die eigene Existenz zwischen Unbewusstem und der Realität reflektiert, wird eine Therapiemethode gelehrt, die sich speziell auf die Grundstörung des süchtigen Menschen einstellt. Die psychoanalytisch interaktionelle Methode arbeitet mit dem Werkzeug der Psychoanalyse mit den Patient*innen in ihrem aktuellen Selbsterleben und ihrer Sicht auf die Welt mit dem Ziel, die Funktionslust zu reaktivieren, die die Grundlage der Motivation zur Fähigkeit des Unterhaltserwerbs bildet. Die Erwerbsfähigkeit des Menschen gründet in seiner Lust zum Selbsterhalt. Diese Befriedigung füllt das Loch im Selbst, welches Süchtige mit ihrem irrationalen Verhalten vergeblich zu stopfen versuchten.

Hier bedarf es des Ansprechens der verschiedenen menschlichen Dimensionen mit multimodalen Therapien einer dezidierten Therapeutischen Haltung des Respekts vor dem Gewordensein, der Akzeptanz des Soseins und der authentischen wachen Präsenz für die Äußerungen der Rehabilitand*innen. Suchttherapeut*innen lernen in ihrer Ausbildung beim GVS die intellektuelle Wanderung zwischen den verschiedenen Ebenen bis zum Transfer therapeutischer Fortschritte in sozialmedizinische Begrifflichkeiten der qualitativen und quantitativen Leistungsfähigkeit der Rehabilitand*innen. In der Suchttherapie werden sie zum Bindeglied zwischen individueller Vulnerabilität und psychischer Beeinträchtigung auf der einen Seite und der persönlichen, sozialen und beruflichen Teilhabe auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt auf der anderen Seite.

Allerdings können Suchttherapeut*innen nicht die gesellschaftliche Verantwortung für das System tragen. Interessenverbände, Rentenversicherung und Träger sind aufgerufen, ständig die Folgen und Wirkungen des Handelns miteinander abzugleichen und zu antizipieren. Die Teilinteressen der beteiligten gesellschaftlichen Gruppen sind nur dann zu erreichen, wenn alle Beteiligten im Suchthilfesystem reifere Lösungen finden als die großen politischen Player es uns aktuell erleben lassen.


Dr. med. Andreas Dieckmann
Arzt für Neurologie und Psychiatrie, Psychotherapie/Psychoanalyse (DGAP, DGPT)
dr.a.dieckmann(at)gmx.de