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Von Dr. Wieland Schinnenburg

„Die Jugend von heute …" ein Blick als drogenpolitischer Sprecher der FDP

Ein Aufbrechen alter Denkschemata in der Drogenpolitik ist notwendig, um den Risiken eines rasant wachsenden Drogenmarktes zu begegnen und mit Jugendlichen in den Dialog zu kommen.

Status Quo der Deutschen Drogenpolitik

Deutschland bleibt auch in diesem Jahr Alkohol-Hochkonsumland, es wird hier mehr getrunken als in den meisten anderen europäischen Ländern. Die durch Alkohol- und Tabakkonsum verursachten Schäden sind drastisch:  Schätzungen zufolge sterben jährlich rund 21.000 Menschen in Deutschland an den Folgen ihres Alkoholkonsums, 121.000 Menschen an den Folgen des Tabakrauchens.[1]  Umso erfreulicher ist es, dass die Jugendlichen offenbar weniger Interesse an diesen beiden legalen Suchtmitteln haben. Die Zahl der Zwölf- bis Siebzehnjährigen, die schon einmal Alkohol getrunken haben, sowie der regelmäßige Alkoholkonsum in dieser Altersgruppe gehen zurück. Auch der Anteil rauchender Jugendlicher hat sich in den vergangenen zehn bis fünfzehn Jahren um zwei Drittel verringert. Dieser Trend zeichnet sich nach dem jüngstem WHO-Alkoholreport international ab, was dafür spricht, dass die Entwicklung weniger einer erfolgreichen deutschen Suchtpolitik als einem weltweiten gesellschaftlichen Trendwandel zu verdanken ist. [2] 

Gleichzeitig ist die Zahl der Jugendlichen in Deutschland, die zwischen dem zwölften und siebzehnten Lebensjahr mindestens schon einmal Cannabis konsumiert haben, in den letzten zwei Jahren von 8.3 Prozent (2016) auf 9.6 Prozent (2018) gestiegen. Unter den jungen Erwachsenen (18- bis 25Jährigen) liegt diese Zahl bereits bei 40.5 Prozent.[3]

Seit Jahren tut sich wenig in der deutschen Drogenpolitik, während sich der europäische Drogenschwarzmarkt rasant entwickelt. Indikatoren wie der gestiegene Reinheitsgrad fast aller illegaler Substanzen und sinkende Marktpreise trotz Anstiegs der sichergestellten Mengen weisen darauf hin, dass die Verfügbarkeit diverser illegaler Substanzen auf einem Rekordhoch ist.[4]  Pro Woche kommt zudem etwa eine neue psychoaktive Substanz (NPS) auf den Markt, deren Handel primär über das Internet läuft.[5]

[1] Bundesministerium für Gesundheit (2019). Drogen- und Suchtbericht 2019, Berlin, 39+59.

[2] World Health Organization (2019). Global status report on alcohol and health 2018. World Health Organization.

[3] Bundesministerium für Gesundheit (2019). Drogen- und Suchtbericht 2019, Berlin, 84-85.

[4] Europäische Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht (2019). Europäischer Drogenbericht 2019: Trends und Entwicklungen, Amt für Veröffentlichungen der Europäischen Union, Luxemburg.

[5] Kerbl, R. (2019). Suchterkrankungen bei Jugendlichen. Monatsschrift Kinderheilkunde, 167(2), 98-100.

Kontrollierte Abgabe von Cannabis kann Jugendschutz fördern

Der Kampf gegen Cannabis durch Prohibition muss somit als gescheitert angesehen werden. Die Annahme der Bundesregierung, dass Strafandrohungen eine präventive Wirkung entfalten und dadurch strafbewehrtes Verhalten signifikant reduzieren, lässt sich nicht halten (vgl. Drucksache 19/853).[6] Wie die gestiegenen Prävalenzzahlen unterstreichen, ist Cannabiskonsum längst als Massenphänomen in weite Teile der Bevölkerung vorgedrungen, trotz Verbots und Strafverfolgung. Daher ist es an der Zeit, alte Denkschemata aufzubrechen.

Einen wichtigen Schritt stellt hierbei die kontrollierte Abgabe von Cannabisprodukten für Erwachsene dar, welche die Eindämmung des wachsenden Schwarzmarktes befördert. Eine Abgabe durch Apotheken und speziell lizensierte Geschäfte könnte die Qualität der Cannabisprodukte sicherstellen und den Gesundheitsschutz der Bevölkerung verbessern. Das mit Kleber, Vogelsand oder Haarspray gestreckte Marihuana des Schwarzmarktes kann zu schwerwiegenden Folgeschäden führen.[7] Auch der stetig steigende THC-Gehalt beim Schwarzmarkt-Cannabis erhöht die gesundheitlichen Risiken. 4

Der Jugendschutz könnte von einer kontrollierten Abgabe an Erwachsene auf mehreren Ebenen profitieren. So könnte die Eindämmung des Schwarzmarktes die Verfügbarkeit für Jugendliche voraussichtlich senken. Darüber hinaus würden Polizei, Staatsanwaltschaft und Justiz erheblich entlastet; 64 Prozent der Ermittlungsverfahren im Bereich der Rauschgiftkriminalität sind Cannabisdelikten zuzuordnen. [8] Über 31 Prozent der Tatverdächtigen im Deutschland des Jahres 2018 waren Kinder- und Jugendliche. Der Handel mit Cannabis stellt einen wichtigen Einstieg in die Jugendkriminalität dar, welcher durch eine kontrollierte Abgabe eingeschränkt würde. Durch die Besteuerung der Cannabisprodukte ließen sich zudem erhebliche Einnahmen erzielen. Schätzungen zufolge beliefen sich Steuereinnahmen und eingesparte Ausgaben auf bis zu 2,66 Mrd. Euro im Jahr. [9] Die gewonnenen Mittel könnten zur Bekämpfung der Kriminalität in anderen Bereichen sowie zur Suchtprävention und -behandlung eingesetzt werden.

Das Gegenargument, eine kontrollierte Abgabe von Cannabis für Erwachsene führe zum Konsumanstieg unter Jugendlichen, lässt sich derzeit wissenschaftlich nicht bestätigen. Die Studienlage nach der Legalisierung in vielen amerikanischen Bundesstaaten und Kanada ist uneindeutig und bedarf weiterer Untersuchungen. Unstrittig ist, dass Jugendliche, so gewollt, ihren Weg zu gewünschten Substanzen finden.

[6] http://dipbt.bundestag.de/dip21/btd/19/008/1900853.pdf

[7] Busse, F. P., Fiedler, G. M., Leichtle, A., Hentschel, H., & Stumvoll, M. (2008). Bleiintoxikationen durch gestrecktes Marihuana in Leipzig. Dtsch Arztebl, 105(44), 757-62.

[8] Polizeiliche Kriminalstatistik Bundeskriminalamt, Jahrbuch 2018, Band 4, Ausgabe V 1.0, 155.

[9] Haucap, J., Kehder, Ch., Feist,M., Solwik, J. (2018). Die Kosten der Cannabis-Prohibition in Deutschland, Düsseldorf: DICEConsult.

Medienabhängigkeit

Neben dem steigenden Cannabiskonsum ist die Computerspiel- bzw. Internetabhängigkeit von zunehmender Relevanz. Bei 5.8 Prozent aller Zwölf- bis Siebzehnjährigen ist eine Computerspiel- oder Internetabhängigkeit anzunehmen.[10] Ähnlich wie substanzgebundene Abhängigkeiten, stehen auch Computerspiel- oder Internetsucht im Zusammenhang mit psychosozialen, psychiatrischen und körperlichen Folgeerscheinungen, Problemen mit dem Zeitmanagement, Tag-Nacht-Rhythmus, Schulabbrüchen bis hin zur Suizidalität. 5

Weder das Internet noch Alkohol, Zigaretten und „illegale“ Substanzen sind aus unserer Gesellschaft zu eliminieren, eine drogenfreie Gesellschaft gibt es nicht. Daher ist auch ein Umdenken in Bezug auf den Fokus von Gesundheitspräventionen nötig.

[10] Bundesministerium für Gesundheit (2019). Drogen- und Suchtbericht 2019, Berlin, 105.

Weg vom Verbot, hin zum verantwortungsvollen Umgang

Gesundheitspräventionen, die zu gesundheitsförderlichem Verhalten motivieren, sind ein anspruchsvolles Feld. Der allbekannte Grundsatz, dass Verbote auch etwas Anziehendes haben, wird dabei gern vergessen. Die Psychologie nennt dieses menschliche Phänomen auch Reaktanz: Die Einschränkung von Handlungsspielräumen führt zu Bestrebungen, ebendiese zurückzugewinnen. So können dogmatische Handlungsanweisungen („Finger weg von Alkohol, Zigaretten und Drogen!“) dazu führen, dass die Glaubwürdigkeit der vermittelten Botschaft angezweifelt wird. [11] Im schlimmsten Falle kommt es zu einem Jetzt-erst-Recht-Effekt. Statt durch Verbote vom Konsum abzuhalten, sollten wir Jugendlichen Fähigkeiten vermitteln, sich selbst vor Risiken zu schützen. Hierzu gehören ein verantwortungsvoller Umgang mit suchtgefährdenden Substanzen ebenso wie die Erarbeitung von sozialen Kompetenzen und Stressbewältigungsressourcen.

Die Abkehr von einer reinen Verbotspolitik hin zu einem offenen Dialog ermöglicht die Reduzierung von Stigmatisierungen rund um das Thema Sucht. Keine andere psychische Erkrankung bleibt so lange unbehandelt – durchschnittlich erfolgt eine erste suchtspezifische Behandlung nach einer Abhängigkeitsdauer von über 12 Jahren.[12] Um dieses Behandlungsdefizit zu adressieren, müssen wir den Dialog über Substanzkonsum offener gestalten.

Zusammenfassend: Eine auf Prohibition aufbauende Drogen- und Suchtpolitik ist außerstande, es mit Herausforderungen eines sich vor allem auch im Internet rasant entwickelnden Drogenmarktes aufzunehmen. Stattdessen sollten wir evidenzbasierte Prävention etablieren und dadurch Resilienz und Kompetenzen im Umgang mit potentiellen Suchtgefahren zu stärken. 

[11] Dillard, J. P., & Shen, L. (2005). On the nature of reactance and its role in persuasive health communication. Communication Monographs72(2), 144-168.

[12] Weissinger, V. (2017). Zugangswege erweitern, Übergänge optimieren: Handlungsbedarf und-ansätze am Beispiel der Suchtrehabilitation. SuchtAktuell, 24(1), 15-33.

Dr. Wieland Schinnenburg MdB
Sprecher für Sucht- und Drogenpolitik
Bundestagsfraktion der Freien Demokraten
wieland.schinnenburg(at)bundestag.de