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Von Kirsten Kappert-Gonther

„Die Jugend von heute …" ein Blick als drogenpolitische Sprecherin der Fraktion von Bündnis 90/Die Grünen

Kinder sind von klein auf in vielfältiger Weise Suchtmitteln ausgesetzt. Der Weg zur Schule führt vielleicht an einer großen Plakatwerbung für Zigaretten oder Tabakerhitzer vorbei, beim Fußball am Nachmittag ist die Biermarke, die den Verein sponsert, allgegenwärtig. Sie leben in einer Welt in der Alkohol in vielen Alltagssituationen ganz selbstverständlich getrunken wird. Suchtmittel gehören zu unserem Leben und damit auch zum Leben unserer Kinder. Eine suchtmittelfreie Welt können wir uns nicht vorstellen. Etwa drei Millionen Kinder kommen aus einer suchtbelasteten Familie und sind nicht nur mit der Krankheit ihrer Eltern, sondern auch mit einer Stigmatisierung und etlichen Hürden im Hilfesystem konfrontiert. Kinder nutzen auch selbst potentielle Suchtmittel. Schon kleine Kinder spielen mit glücksspielähnlichen Apps auf dem Smartphone oder Tablet, die nicht immer von seriösen Angeboten zu unterscheiden sind. Mit der Pubertät spielt auch der Substanzkonsum im Freundeskreis eine zunehmende Rolle: Nikotin, Alkohol, Cannabis und andere Substanzen sind für viele Jugendliche zugänglich und erschwinglich.

Es ist eine Binsenweisheit, dass Drogen für Minderjährige besonders gefährlich sind. Auch das Gehirn wird schneller strukturell geschädigt, solange es sich noch in der Entwicklung befindet. Kinder und Jugendliche müssen befähigt werden, sich kritisch und kompetent in der Welt zu bewegen und ihren eigenen Platz darin mitzugestalten. Optimalerweise erhalten Kinder einen Zugang zu vielfältigen Angeboten, die ihnen ein selbstbestimmtes und gesundes Aufwachsen ermöglichen. Sie sollten Zugang zu ihrer eigenen Kreativität bekommen und sich und ihre Fähigkeiten im Bereich der Musik, Kunst und Bewegung ausprobieren können. Die beste Prävention setzt in den Lebenswelten der Kinder an und trägt dazu bei, dass junge Menschen eine Resilienz gegen den gesundheitsschädlichen Gebrauch von Drogen und Suchtmitteln entwickeln.

Gesundheits- und Jugendschutz müssen im Mittelpunkt einer vernunftgeleiteten Drogenpolitik stehen. Warum sich eine Regulierung nicht an der Akzeptanz einer Substanz, sondern an der jeweiligen Schädlichkeit orientieren sollte und welche Schlüsse ich als Ärztin und Bundestagsabgeordnete daraus ziehe, möchte ich nachfolgend an einigen Beispielen exemplarisch erläutern. Eine offensive Drogenpolitik, die hinschaut statt wegsieht, wird oft populistisch instrumentalisiert – wenn besserer Jugendschutz gefordert wird genauso wie wenn mehr Freiheiten für Erwachsene zur Diskussion stehen. Wie wir einer Bagatellisierung der legalen Suchtmittel entgegenwirken können und einer Dämonisierung illegaler Substanzen, die dem Jugendschutz mehr schadet als nützt, mit einer faktenbasierten Regulierung begegnen, lässt sich an drei Themen, die aktuell im Bundestag diskutiert werden, darlegen:

  1. Tabakwerbeverbot
  2. Kontrollierte Abgabe von Cannabis – illegale Drogen
  3. Intervention und Beratung bei exzessiver Mediennutzung und Gaming Disorder

Die Hängepartie mit dem Tabakwerbeverbot

Werbung für Tabakprodukte auf Plakaten und im Kino, wie auch die kostenlose Abgabe von Tabakprodukten, konterkarieren eine wirksame Suchtprävention. Insbesondere auf Kinder und Jugendliche hat die Werbung einen starken Einfluss. Je häufiger Jugendliche mit Tabakwerbung in Kontakt kommen, desto wahrscheinlicher ist es, dass sie anfangen zu rauchen. Auch die Werbung für E-Zigaretten verleitet Jugendliche zum Rauchen. Zusammen mit den Produkten wird ein positives Lebensgefühl vermittelt. Es ist nicht nachvollziehbar, warum öffentliche Präventionskampagnen vom Rauchen und Dampfen abraten, aber die Tabakindustrie ihre Produkte weiter bewerben darf. Präventionsmaßnahmen sind immer auch eine Frage der Glaubwürdigkeit. Für Drogen sollte generell nicht geworben werden. Alle anderen Länder in der EU sind da weiter als Deutschland, nur hier darf noch für Tabakprodukte im öffentlichen Raum geworben werden.

Das Tabakwerbeverbot ist ein eindrückliches Beispiel dafür, dass der Jugendschutz längst nicht den Stellenwert hat, der angemessen wäre. Das hängt auch damit zusammen, dass Tabak und Nikotin häufig unterschätzt werden, obwohl daran jährlich in Deutschland etwa 121.000 Menschen sterben (21.000 Todesfälle sind ausschließlich durch Alkoholkonsum bedingt, 1.276 verfallen auf den Konsum von illegalen Drogen, davon 0 auf pflanzliches Cannabis). Im Bundestag gab es bereits mehrere Anläufe für ein Tabakwerbeverbot, doch aufgrund des offensichtlich immensen Lobbydrucks und interner Widerstände in den Unionsfraktionen hat es noch kein Gesetzentwurf über die Ziellinie geschafft. Bereits in der letzten Wahlperiode hatte das Kabinett einen Entwurf vorgelegt, der jedoch vom Parlament nie verabschiedet wurde. Ein weiterer Gesetzentwurf, den ich mit der grünen Bundestagsfraktion eingebracht habe, wurde Mitte letzten Jahres ebenfalls abgelehnt, obwohl sich die Kanzlerin bereits für ein Tabakwerbeverbot ausgesprochen hatte. So folgte dann auch endlich ein entsprechendes Positionspapier der Unionsfraktion. Ein Gesetzentwurf der Koalition lässt jedoch noch immer auf sich warten. Auch im Bereich der Alkoholprävention ist vom Gesundheitsministerium nur das Schweigen im Walde vernehmbar, während der zuständige Minister sonst keine Gelegenheit auslässt, sich medienwirksam in Szene zu setzen. Dabei ist Deutschland ein Hochkonsumland in Bezug auf Alkohol. Gefährlicher Alkoholkonsum ist unter Jugendlichen und jungen Erwachsenen weit verbreitet. Über ein Drittel der 18 bis 25-jährigen weist problematische Konsummuster auf. Während der Konsum von Alkohol glorifiziert wird, bleibt die Alkoholsucht stigmatisiert. Erst nach durchschnittlich 17 Jahren suchen Alkoholkranke Hilfe. Wenn Alkohol jederzeit und überall verfügbar ist, sind auch Kinder diesem Angebot ständig ausgesetzt. Jugendschutz und Schadensminimierung müssten im Rahmen einer Alkoholstrategie einen höheren Stellenwert bekommen – doch dafür sind, genauso wie für ein Tabakwerbeverbot – dicke Bretter zu bohren.

Auf dem Schwarzmarkt fragt niemand nach dem Ausweis

Wie passt die Forderung nach weitgehenden Maßnahmen wie einem Werbeverbot zusammen mit dem Einsatz für eine kontrollierte Abgabe von Cannabis? Beides dient dem Gesundheits- und Jugendschutz. Auf dem Schwarzmarkt fragt niemand nach dem Ausweis und das dort angebotene Cannabis ist häufig durch Streckmittel wie Blei oder durch synthetische Cannabinoide verunreinigt. Erwachsene Konsument*innen sollten zudem wissen, welche Wirkstoffkonzentrationen das Cannabis enthält. Eine kontrollierte Abgabe von Cannabis in Fachgeschäften, zu denen Minderjährige keinen Zugang haben, würde den Gesundheitsschutz verbessern und dem Schwarzmarkt die Grundlage entziehen. Die Regulierung in Kanada war ebenfalls durch die Motivation getragen, endlich einen wirksamen Jugendschutz durchsetzen zu können. Auch wenn verlässliche Daten noch nicht zu Verfügung stehen, weist vieles darauf hin, dass bei einer Freigabe, wie schon in Colorado, der gelegentliche Cannabiskonsum von Erwachsenen (vor allem bei den über 60-Jährigen) zwar geringfügig zunimmt, nicht aber unter Kindern und Jugendlichen. Gleichzeitig besteht allerdings die Tendenz, dass der Alkoholkonsum unter Erwachsenen abnimmt. Eine gute Cannabispolitik reguliert den Cannabismarkt so, dass sowohl der Jugendschutz gestärkt wird als auch die gesundheitlichen Risiken für Erwachsene reduziert werden. Wie das gelingen kann, ist mit dem grünen Cannabiskontrollgesetz, das wir in den Bundestag eingebracht haben, dargestellt.

Exzessive Mediennutzung und Gaming Disorder

Während der Konsum von Tabak und Alkohol tendenziell eher zurückgeht und bei Cannabis eine leichte Steigung (unter den Bedingungen der Prohibition) zu verzeichnen ist, ist die exzessive Mediennutzung und Gaming Disorder eine deutlich zunehmende Herausforderung. Von den Menschen, die im Jahr 2017 in der ambulanten Suchthilfe wegen exzessiver Mediennutzung behandelt wurden, war jeder sechste minderjährig. Wenn Kinder und Jugendliche zu viel Zeit vor dem Bildschirm verbringen, kann das eine Bandbreite negativer Folgen haben: Dazu gehören Aufmerksamkeits- und Schlafstörungen, Depressionen, Beeinträchtigungen der motorischen Entwicklung sowie Konflikte mit den Eltern und Vernachlässigung der Schule. Jugendspezifische Hilfsangebote und Maßnahmen der Frühintervention müssen ausgebaut und gefördert werden. Dazu gehören kognitives Umstrukturieren, Rückfallprävention, Training zur Förderung der emotionalen Intelligenz, Stressbewältigung und Selbstsicherheit sowie Medientraining. Es bedarf Aufklärungskampagnen, aber vor allem müssen die Anbieter von Games und Apps in die Pflicht genommen werden durch das Bereitstellen von technischen Lösungen wie die automatische Verlangsamung bei langer Spieldauer, die Belohnung von Pausen und das Verbot von Lootboxen. Gezielt suchtfördernde Mechanismen, beispielsweise komplexe Belohnungssysteme oder Nachteile bei Spielunterbrechungen, sollten für Kinder und Eltern durch Warnhinweise transparent gemacht werden. Für simuliertes Glücksspiel müssen die gleichen Jugendschutzmaßnahmen gelten wie für „echtes“ Glücksspiel. Die Forschung zu Wirkmechanismen, Prävalenzen und Therapie im Zusammenhang mit Gaming Disorder muss intensiviert werden.

The Kids Are Alright

Für Jugendliche gilt mindestens genauso klar wie für Erwachsene, dass einem Fluchtversuch aus der Realität mit Akzeptanz und Verständnis begegnet werden muss. Kinder sind Kinder. Sie probieren aus, sie machen auch mal Fehler und sie reagieren auf ihre Mit- und Umwelt. Oft sind exzessives Computerspielen oder Substanzkonsum nur ein Symptom dafür, dass etwas Tieferliegendes nicht in Ordnung ist. Ursachen können beispielsweise Druck in der Schule, Auseinandersetzungen in der Familie oder Gewalterfahrungen sein. Eltern und Institutionen stehen in der komplexen Verantwortung, die Situation weder zu bagatellisieren, noch mit Härte und Zuspitzung zu reagieren, die zu weiterer Eskalation führen. Der Zugang zu sozialer und psychologischer Hilfe ist mit großen Hürden verbunden und wird oft erst gewährleistet, wenn es bereits zu spät ist. Sozialarbeiter*innen berichten, wie die Kriminalisierung Hilfsangebote erschwert. Betroffene brauchen Hilfe statt Strafverfolgung. Süchtige brauchen Hilfe und keine Vorwürfe. Nicht ohne Grund gibt es gerade für Heroin, eine Substanz mit einer extrem hohen Suchtgefahr, die im Betäubungsmittelgesetz verankerte Möglichkeit einer medizinischen Substitutionsbehandlung sowie der ärztlich betreuten Originalstoffvergabe mit Diamorphin. Eine am Gefährdungspotential der jeweiligen Substanz ausgerichtete Drogenpolitik, die Gesundheits- und Jugendschutz in den Mittelpunkt stellt, ist der richtige Weg. 

Kirsten Kappert-Gonther MdB
Sprecherin für Drogenpolitik
Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen
Tel.: +49 30 227 567 89
info(at)gruene-bundestag.de