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Von Niklas Helsper und Monika Feist-Ortmanns

Die Auswirkungen von diskriminierenden Mustern auf die Hilfeannahme suchtbelasteter Eltern

Einleitung

Immer wieder werden in der Fachliteratur die Auswirkungen einer Stigmatisierung suchtbelasteter Menschen auf den Zugang ins Hilfesystem thematisiert (vgl. u. a. Bernard & Tödte, 2017; BELLA DONNA, 2019). Der vorliegende Text geht der Fragestellung nach, inwieweit und in welchen Ausprägungen dies speziell auch für suchtbelastete Elternteile gilt. Dem aus dem angelsächsischen Raum stammenden Konzept der Intersektionalität folgend, ist diese Personengruppe oft von mehreren Ungleichheitsdimensionen gleichzeitig betroffen. Häufig machen die betroffenen Elternteile auf dieser Grundlage (teils unbeabsichtigte) multiple Diskriminierungserfahrungen, die zu Rückzug und Scham führen und so benötigte Hilfeeinleitung oder -interventionen verhindern können. Der Bereich der Diskriminierung und speziell der Intersektionalität ist im Kontext Suchterkrankung zum jetzigen Zeitpunkt noch deutlich unerforscht, sodass die Hoffnung besteht, durch diesen Artikel Impulse für Grundlagenforschung in diesem Bereich geben zu können.

Hinweise auf Formen der strukturellen Diskriminierung von Elternteilen mit bestimmten Merkmalsausprägungen in der Kinder- und Jugendhilfe

In dem vertiefenden Forschungsmodul zu „hochproblematischen Kinderschutzverläufen“, das im Rahmen der wissenschaftlichen Begleitung des Dialogprozesses zur SGB VIII-Reform vom Institut durchgeführt wurde, ergaben sich deutliche Hinweise, dass Familien mit bestimmten sozio-ökonomischen Merkmalen sehr häufig von verschiedenen Ausprägungsformen negativer Fallverläufe im Kinderschutz betroffen sind. „Zu diesen gehören insbesondere Familien, die Transferleistungen beziehen, und alleinerziehende Mütter. Aber auch minderjährige Mütter und Elternteile mit Behinderung oder chronischen Erkrankungen sind bei Fallverläufen mit Herausnahmen von Kindern aus der Familie und (teilweisem) Sorgerechtsentzug überrepräsentiert“ (Feist-Ortmanns & Macsenaere, 2020, S. 46).

Diese Herausarbeitung besonders betroffener Personenkreise aus den 561 Falleingaben der Anlaufstelle für hochproblematische Kinderschutzverläufe wird durch die Ergebnisse der Jugendamtsbefragung in weiten Teilen bestätigt. Gefragt nach Personengruppen, die in Kinderschutzfällen in ihrem Verantwortungsbereich vertreten sind, gaben die Fachkräfte an, dass sowohl bei den 8a-Verfahren als auch bei den vorläufigen Schutzmaßnahmen nach § 42 SGB VIII und familiengerichtlichen Verfahren Fälle mit alleinerziehenden Müttern den absolut größten Anteil mit knapp 50 % darstellen. Insbesondere bei Inobhutnahmen ist der Anteil an Fällen mit alleinerziehenden Müttern signifikant höher als bei allen anderen Personenkreisen. Junge Mütter unter 22 Jahren sind hier überrepräsentiert. In den Falleingaben hochproblematischer Kinderschutzverläufe wird vor allem bei der Teilmenge der minderjährigen Mütter als Hilfemaßnahme bedeutend häufiger eine Fremdunterbringung des Kindes implementiert (p 0,05) und häufiger ein familiengerichtliches Verfahren eingeleitet (p 0,1) als bei volljährigen Müttern. In der Stichprobe ist der Anteil an Sorgerechtsverschiebungen mit 29 % gegenüber den volljährigen Müttern mit 7 % ebenso deutlich erhöht.

Auch in der Güte von Hilfeentscheidungen lassen sich Unterschiede zwischen den Personenkreisen identifizieren. Die Hilfen zur Erziehung, die im Rahmen von hochproblematischen Kinderschutzverläufen gewählt wurden, weisen eine für die Kinder- und Jugendhilfe übliche Indikationsgüte (s. auch Arnold, 2014) auf. So liegt der Anteil kontraindizierter Hilfeentscheidungen bei 19 % gegenüber 21 % bei einer ausgangslagenübergreifenden Stichprobe (Institut für Kinder- und Jugendhilfe, 2019). Allerdings ist der Anteil nicht tauglicher Hilfeentscheidungen in den vorliegenden Fallverläufen mit alleinerziehenden Müttern mit 25 % deutlich erhöht im Vergleich zu 17 % kontraindizierten Hilfen in Fällen mit anderen Erziehungskonstellationen.

Diese Befunde sind im Zusammenhang mit der Fragestellung von Diskriminierungserfahrungen von Elternteilen mit Suchterkrankung relevant, da diese überproportional häufig auch den Personengruppen (alleinerziehend, in Transferleistungsbezug, unter 22) zugehörig sind, die ohnehin – auch ohne Suchterkrankung – bereits einem signifikant erhöhten Diskriminierungsrisiko in der Kinder- und Jugendhilfe ausgesetzt sind. Elternteile mit Suchterkrankung werden also mit erhöhter Wahrscheinlichkeit aus mehreren Gründen gleichzeitig diskriminiert, was zu einem Ineinandergreifen der Diskriminierungsgründe und einer Verstärkung der Diskriminierung führen kann.

Ergebnisse aus den Interviews mit suchtkranken Elternteilen und der Fachkraftbefragung

Sampling und Zusammensetzung der Stichprobe

Im Rahmen des Forschungsprojektes Steuerungswissen und Handlungsorientierung für den Aufbau effektiver interdisziplinärer Versorgungsnetzwerke für suchtbelastete Familien wurden 26 Interviews mit suchtbelasteten Elternteilen durch das Institut für Kinder- und Jugendhilfe (IKJ) durchgeführt. Die übergreifende Forschungsfrage lautete, inwieweit sich suchtkranke Mütter und Väter durch (eine gemeinsame, vernetzte) Hilfeleistung/-en von Sucht- und Jugendhilfe mit ihren Bedarfen und Bedürfnissen gut unterstützt und in ihrer Erziehungsfähigkeit gestärkt fühlen. Ein Fokus lag auch auf der Analyse der Hilfezugänge. Hierfür wurden u. a. Hinderungsgründe für die Hilfeauf- und -annahme identifiziert. Es ließen sich zentrale Argumentationsmuster, Problembeschreibungen und -bearbeitungen sowie Haltungen feststellen, welche Hinweise auf Diskriminierungserfahrungen und deren Auswirkungen bieten.

Angereichert werden diese Analysen mit Ergebnissen der stand. Fachkraftbefragung aus demselben Projektkontext, an welcher 355, an der Versorgung suchtbelasteter Familien beteiligte Fachkräfte teilgenommen haben. Von den 355 Personen, die den Fragebogen ausgefüllt haben, gaben 75,6 % weiblich und 23,5 % männlich als Geschlecht an. Ähnlich wie in der Zusammensetzung der Fokusgruppen ist mit 62 % die Beteiligung der Fachkräfte aus der Suchthilfe deutlich höher als die aus der JHG (14 %) und dem Gesundheitswesen (6 %).

 

Nähere Informationen zum Forschungsprojekt wie bspw. Details zum Sampling der Interviews finden Sie über den folgenden QR-Code. 

Welche Hilfeanlässe lassen sich identifizieren?

In den Fokusgruppendiskussionen desselben Forschungsprojekts wurde unter anderem wiederholt die Frage aufgeworfen, wie sich Klient*innen ins Hilfesystem integrieren lassen, vor allem, wenn diese bisher noch in keiner Weise ans Hilfesystem angebunden sind. Aus diesem Grund war es besonders aufschlussreich, einen Fokus der Analyse darauf zu legen, auf welchen Wegen die Gesprächspartner*innen in das/die Versorgungssystem/e gelangt sind und welchen Einflussfaktor das Erleben von Stigmatisierung und Diskriminierung hier bildet.

Diese Anlässe für eine Hilfeaufnahme zeichnen ein heterogenes Bild. Unterschieden werden kann hier zwischen Hilfeaufnahmen auf Eigeninitiative und Fremdinitiative. Nachdem im Rahmen der Einleitung der Blick auf strukturelle Diskriminierung im Rahmen Intervention von außen in den Blick genommen wurde, werden im Folgenden die Falltypen betrachtet, in denen sich Eltern eigeninitiativ ans Hilfesystem gewandt haben.

Unter den Anlässen aufgrund von Eigeninitiative finden sich verschiedene, durch die Gesprächspartner*innen empfundene Notsituationen, zu deren Bewältigung sie sich nicht mehr in der Lage sahen. So wird hier bspw. aufgeführt, dass aus einer psychischen Notsituation heraus eigeninitiativ eine Suchtberatungsstelle aufgesucht wurde. Auf diese aufmerksam wurde die interviewte Person im Vorfeld durch einen Verweis des psychiatrischen Versorgungssystems.

Ebenfalls in diese Kategorie fällt die Schilderung einer Mutter, die durch ihre Schwangerschaft die Motivation fand, sich Hilfe in Bezug auf ihren problematischen Konsum und die kommende Verantwortung für ein Kind zu suchen und sich direkt an das örtliche Jugendamt wandte.

Ein weiterer Anlass war die Hilfesuche aufgrund einer finanziell existentiellen Situation. Es wurde Kontakt zu einer psychosozialen Beratungsstelle aufgenommen. Von hier fand in Folge einer Sozialanamnese der Familiensituation eine Verweisberatung in andere Hilfeformen statt.

„Und wir sind dort aber hingegangen, weil wir eigentlich gedacht haben, wir kriegen dort geholfen wegen dem Strom, dass die uns vielleicht irgendwie helfen, den Strom zu bezahlen oder dass wir die Möglichkeit haben, den monatlich abzubezahlen und so. Und wir haben dann gemerkt, dass wir mit der Frau auch sprechen können. Und haben der das dann auch gesagt, dass wir Probleme haben, Suchtprobleme“ (Abs. 186-188 in PLR1-22.12.19).

In allen beschriebenen Kontexten wird deutlich, dass bei der Kontaktaufnahme mit dem Hilfesystem neben der Suchterkrankung/-belastung weitere Problemlagen vorlagen, die jeweils das Potential für Herabsetzung mit sich führen.

So ließen sich auch Interviewpassagen finden, in denen trotz intrinsischer Motivation und Initiative der Hilfesuchenden letztendlich keine Hilfeeinleitung zustande kam. Hierfür lassen sich verschiedene Gründe finden. Teilweise erfolgte keine adäquate Verweisberatung in eine Hilfeform aus anderen Leistungsbereichen. Dies lässt sich vor allem mit mangelnder Kenntnis der anderen Hilfesysteme oder mit dem Fehlen bedarfsspezifischer, niedrigschwelliger Angebote im Sozialraum erklären. Ein zentraler Grund dafür, dass Hilfen nicht zustande kamen, lag aber an negativen Erfahrungen bei der initialen Kontaktaufnahme mit dem Hilfesystem. Diese Fälle sind besonders bedauerlich, da die negativ erlebten Erstkontakte oftmals zu einem völligen Rückzug vom Hilfesystem führen. Betrachtet man die Schilderungen dieser Erstkontakte, werden mehrfach Erfahrungen (intersektioneller) Diskriminierung aufgrund der Suchterkrankung und weiterer Merkmale augenfällig.

Dabei wurde häufig berichtet, dass bei Bekanntwerden der Suchtbelastungen im Rahmen der Kontaktaufnahme mit dem Hilfesystem die Erziehungsfähigkeit aberkannt bzw. die Elternschaft als minderwertig beschrieben wurde.

I: Dann probieren wir mal zu erklären […] was du meinst, dass das Jugendamt mehr mit ins Boot kommt. Was du damit meinst.

B: Ja, mehr auf mich eingeht wieder. Also die haben mich ja dann abgestempelt: Suchtkrank, nicht gut für die Kinder. Also im Endeffekt haben die mir das Gefühl gegeben, dass ich eine Rabenmutter bin, dass ich einfach nicht gut bin für meine Kinder. (WRN 10 Abs. 175-176)

Durch diese pauschalisierende Praxis kann ein offener Austausch über die Erkrankung und weitere begleitende Problemlagen verhindert werden und die Bereitschaft zur Hilfeannahme sowie das Vertrauen in ein Helfersystem nachhaltig beschädigt werden.

Ein Mann beschreibt, dass er im Kontakt mit dem Jugendamt hinsichtlich des Wunsches, seiner Vaterrolle nachzukommen, als süchtiger Mann nicht ernst genommen wurde (Diskriminierungsdimensionen: Suchterkrankung und Geschlecht). Eine Mutter, die nicht in Deutschland geboren und aufgewachsen ist, schildert eine drastischen Fall von Diskriminierung im Erstkontakt mit einem Hausarzt (Diskriminierungsdimensionen: Herkunft, Sprache, Suchterkrankung).

B1: Ich muss noch/ das ist von [SOZIALER TRÄGER] Ich muss sagen noch, ich habe schon vorher Hilfe gesucht. Ich bin zu meine Hausarzt erst gegangen. Da war aber totale Katastrophe. Der hat mir gesagt, was? Ich rufe Jugendamt, die machen Ihnen Test und haben Sie Kinder weg. Sie kommen ganzes Jahr nicht und was wollen Sie von mir? Ich habe dagesessen und geweint, aber ich war nicht krank und so. Ja, gehen Sie wieder nach [MITTELEUROPA]. Aber ich habe keine Versicherung in [MITTELEUROPA], […]

B1: und total fertig. Ich habe aufgestanden und habe gesagt, wenn Sie können bitte vergessen Sie, dass ich war da. Und da für mich total/ also die/ meine erste Erfahrung mit Hilfe hier suchen. Natürlich für mich auch schwierig, weil ich bin Ausländerin, ne? Wenn ich würde in [MITTELEUROPA], würde ich auch mehr Informationen haben und so und wissen, wie was (Abs. 64-66 in YB2).

Anknüpfend daran verdeutlichen viele der mehr als 300 Ausführungen in den Freitextfeldern im Rahmen der Fachkraftbefragung, dass die Fachkräfte die gesellschaftliche Entstigmatisierung von Suchterkrankungen als eine der erfolgsversprechensten Maßnahmen zur Verbesserung der Versorgungssituation suchtbelasteter Familien erachten. Der folgende Textbeleg greift dabei verschiedene der beschriebenen grundlegenden Problemstellungen auf, die sich aus stigmatisierendem Verhalten ergeben können, bietet aber auch Anknüpfungspunkte zur Bearbeitung dieser Probleme an.

Es ist wichtig, dass suchtkranke Eltern nicht grundsätzlich stigmatisiert und ihnen ihre Erziehungsfähigkeit abgesprochen wird. Es benötigt auch eine bessere Kooperation zwischen den Akteuren. Das Jugendamt sollte auf die Suchthilfe vertrauen, nicht die Verantwortung abschieben und nur nach erneutem Konsum etc. fragen, kontrollieren, sondern kooperieren. Wichtig ist es aber auch, dass die Suchthilfe keinen erneuten Konsum deckt etc. und sich auf die Seite des Klienten stellt. Konsum muss transparent gemacht werden und thematisiert werden. (Textbeleg aus den Freitextfeldern)

Besonders der im Kommentar thematisierte Kontakt mit dem Jugendamt wird auch durch die Interviewpartner:innen wiederholt als problematisch geschildert. Dabei berichten die Eltern in Bezug auf die Mitarbeitenden des Jugendamtes von Unkenntnis über das Krankheitsbild und dass zu geringe Kenntnisse für die suchtspezifische Situation der Familie bestünden.

„Ja, sagen wir mal so, was vielleicht GUT wäre, wäre für die Jugendämter, dass es Schulungen gibt, weil es gibt WIRKLICH Mitarbeiter vom Jugendamt, die von Sucht keine Ahnung haben“ (Abs. 332 in PLR1-22.12.19).

Der Wunsch nach besserem Verständnis einer Suchterkrankung ist mit der Erfahrung verknüpft, dass das Jugendamt schnell auf eine Inobhutnahme hinwirkt, obwohl die Betroffenen die Situation anders bewertet haben bzw. bewerten würden. Hieraus wird das Bedürfnis nach angemessener Partizipation auf Augenhöhe, auch in Krisensituation, deutlich.

„I: (…) Okay. Ich stelle noch mal ein bisschen diese Wie-hätten-Sie-es-sich-gewünscht-Fragen? Wie hätten Sie sich den Kontakt zum Jugendamt gewünscht?

B: (…) Weiß ich gar nicht. Vielleicht eher mal einem erst mal eine Chance gegeben, zu Hause es zu beweisen, mit einer Familienhilfe zur Seite gestellt oder Hebamme“ (Abs. 65-66 in HCS2_100120).

Auch die Ergebnisse der Fachkräftebefragung verdeutlichen, dass Mitarbeitende aus der Jugendhilfe (übergreifend freie + öffentl. Jugendhilfe) angeben, über geringere Kenntnisse über Suchterkrankungen zu verfügen als Mitarbeitende der Suchthilfe, aber auch des Gesundheitswesens und der sonstigen Arbeitsfelder. Einen signifikanten Unterschied (p 0,05) gibt es bei den Angaben der Fachkräfte der Jugendhilfe im Vergleich zu jeweils allen anderen Arbeitsfeldern hinsichtlich der Kenntnisse über die Auswirkungen eines negativen Placings von Sucht in der Gesellschaft, wobei 100 % sehr guten Kenntnissen und 0 % gar keinen Kenntnissen entsprechen würden (vgl. Tabelle 1).

Die Schilderungen der Elternteile sowie die Angaben der Fachkräfte zeigen einen enormen Entwicklungs- und Schulungsbedarf für (v. a.) die öffentliche Jugendhilfe auf. Hier sind Mitarbeitende der anderen Arbeitsfelder gefragt, für diskriminierende Verhaltensweisen zu sensibiliseren und alternative Kommunikationswege zum Umgang mit Suchterkankung/-belastung zu eröffnen. Im Sinne einer systemübergreifenden Hilfeerbringung ist es wichtig, dass die öffentliche Jugendhilfe weniger in einer Gegner- und Bedrohungsfunktion gesehen wird, während die anderen Arbeitsfelder (v. a. die Suchthilfe) eine Anwaltsfunktion für die Klient:innen übernehmen, auch um Hilfezugänge über verschiedene Wege zu ermöglichen. So wird in der Fachkraftbefragung deutlich, dass die Fachkräfte eine gemeinsame, abgestimmte Öffentlichkeitsarbeit der verschiedenen Hilfesysteme zur Entstigmatisierung von Suchterkrankungen für eher wichtig zur Verbesserung der Versorgungssituation erachten. Nur die Mitarbeitenden der Suchthilfe befürworteteten diese Maßnahme in signifikantem Ausmaß stärker.

Auch wenn die meisten Schilderungen unsensibler und diskriminierender Erfahrungen den Kontakt mit dem Jugendamt betreffen, finden Diskriminierungen auch im Kontakt mit anderen Arbeitsfeldern statt (vgl. bspw. Kommentar Abs. 64-66 in YB2).

Auf die Frage „Wie gut fühlen Sie sich in Bezug auf die folgenden Inhalte qualifiziert?“ wurde deutlich, dass sich die Fachkräfte aller Arbeitsfelder im Vergleich zu den weiteren Bereichen am schlechtesten hinsichtlich geschlechtsspezifischen Behandlungsansätzen und Kontaktgestaltung qualifiziert fühlen (vgl. Tabelle 2).

Auch wenn einschränkend festgehalten werden muss, dass die Fragestellungen zu diesen Themenkomplexen übergreifend sind und keine unmittelbaren/definitiven Rückschlüsse auf den Zusammenhang zwischen Kenntnissen zu einem Thema und dem sensiblen Umgang in der Kontaktgestaltung zulassen, liefern sie doch, besonders im Kontext der im Rahmen der Interviews angesprochenen Schwierigkeiten, wichtige Hinweise auf Handlungsmöglichkeiten. Dennoch wären weitere Spezifizierungen begrüßenswert.

Ein weiterer problematischer Aspekt, der in den Interviews thematisiert wurde, betrifft den Bereich der Segregation von Personen mit multiplen Problemlagen in bestimmten stigmatisierenden und problembehafteten Bezugsräumen. In solch einem Umfeld sei eine Stabilisierung schwieriger. Diese Beschreibung lässt weniger Rückschlüsse auf eine Anforderung an das Hilfesystem erkennen als auf durch soziale und strukturelle Benachteiligung ausgelöste Schwierigkeiten der Klient:innen, die jedoch die Arbeit und Ziele des Hilfesystems unmittelbar gefährden können.

„B2: Was dann halt allerdings für uns auch nicht so gut war, weil das war dann so ein ganzes Viertel in dem Ort, wo wir wohnen halt, und da immer mehr Suchtkranke gekommen sind und man. […] Bei vielen war es einfach so, dass es keinen guten Verlauf genommen hat und wir das dann natürlich immer gleich direkt gesehen haben, ja? Also das war dann“ (Abs. 143-145 PLR1-22.12.19).

Resümee und Ausblick

Die Ausführungen geben einen ersten Überblick darüber, in welchen Ausprägungsformen (intersektionelle) Diskriminierung den Prozess der Kontaktaufnahme mit Hilfesystem beeinflussen kann. Es gibt dabei deutliche Hinweise, dass suchtkranke Eltern verschiedene Ungleichheitsdimensionen auf sich vereinen, was eine besondere Sensibilität der Helfenden im Erstkontakt erfordert, um hier die ggf. mit viel Kraft aufgebrachte Motivation zur Hilfeaufnahme nicht im Keim zu ersticken. Zusätzlich wurden (wechselseitige) Qualifizierungsbedarfe zwischen den verschiedenen Akteur*innen des Hilfesystems offenkundig, um diesen Anforderungen gerecht werden zu können. Ein Lösungsansatz könnte hier eine interdisziplinäre, spezialisierte Angebotserbringung sein. Nef und Streckeisen (2019) konstatieren in ihrem Aufsatz Soziale Arbeit und Intersektionalität:

„In Organisationen für vulnerable Personengruppen besteht häufig bereits eine grosse Sensibilität für die Verschränkung von Diskriminierungsdimensionen; der Intersektionalitätsansatz könnte diesbezüglich die Transparenz erhöhen und ein Vergessen von relevanten Dimensionen verringern.“ (Nef & Streckeisen, 2019, S. 11)

Vor dem Hintergrund der vorliegenden Befunde sollten etwaige Anhaltspunkte für verstärkende und intersektionelle Formen der Diskriminierung[1] von (alleinerziehenden) Elternteilen mit Behinderungen (s. auch Pixa-Kettner, Bargfrede, & Blanken, 1996; Zinsmeister, 2006) und chronischen Erkrankungen in der Kinder- und Jugendhilfe und insbesondere im Kinderschutz untersucht werden, um der Frage nach einer möglichen strukturellen Diskriminierung empirisch nachzugehen und ggf. Grundlagen zur Implementierung von Antidiskriminierungsstrategien im Qualitätsmanagement der öffentlichen Kinder- und Jugendhilfe zu schaffen. Im Zuge der Untersuchung möglicher struktureller Diskriminierung von bestimmten Personengruppen sollte auch die Instrumentalisierung von Zuschreibungen psychischer Erkrankungen überprüft werden. In vielen Fallschilderungen wurde – insbesondere von Müttern, die sich in familiengerichtlichen Verfahren befinden – beschrieben, dass allein die Behauptung einer psychischen Erkrankung in Gutachten und richterlichen Entscheidungen als Grund für eine Einschränkung der Erziehungsfähigkeit herangezogen werde, ohne dass eine entsprechende ICD-Diagnose vorläge.

[1] Verstärkende Diskriminierung beschreibt im Gegensatz zur Mehrfachdiskriminierung eine Situation, in der eine Person aus zwei oder mehreren Gründen gleichzeitig diskriminiert wird und diese Gründe kumulieren – anders gesagt: Ein Diskriminierungsgrund wird durch einen weiteren oder gar mehrere weitere Diskriminierungsgründe verstärkt. (…) Intersektionelle Diskriminierung bezieht sich auf eine Situation, in der mehrere Diskriminierungsgründe greifen und gleichzeitig miteinander so interagieren, dass sie nicht voneinander zu trennen sind. (Europäische Kommission, 2007, S. 16)

Literatur

Arnold, J. (2014). Gretchenfrage Indikation: Grundlagen für eine passgenaue Hilfewahl. Pädagogischer Rundbrief, 64 (3/4), 7-19.

Bernard, C., & Tödte, M. (2017). Drogenkonsum und Vaterschaft. SuchtMagazin, 6, 30-33. Verfügbar unter www.suchtmagazin.ch/tl_files/templates/suchtmagazin/user_upload/texte/suchtmagazin_2017-6_leseprobe.pdf

Europäische Kommission (2007). Bekämpfung von Mehrfachdiskriminierung – Praktiken, Politikstrategien und Rechtsvorschriften. Luxemburg: Amt für amtliche Veröffentlichungen der Europäischen Gemeinschaften. Institut für Kinder- und Jugendhilfe (2019). EVAS-Gesamtbericht 2018.

Feist-Ortmanns, M., & Macsenaere, M. (2020). Ergebnisbericht der wissenschaftlichen Begleitung zum Dialogprozess „Mitreden – Mitgestalten: Die Zukunft der Kinder- und Jugendhilfe“. Verfügbar unter ikj-mainz.de/wp-content/uploads/sites/3/2020/10/IKJ-Ergebnisbericht-Wiss.-Begleitung_gesamt.pdf

Landeskoordinierungsstelle Frauen und Sucht NRW BELLA DONNA (2019). Medikamentenabhängige schwangere Frauen, Mütter und ihre Kinder. Abschlussbericht. Verfügbar unter w-kis.de/media/2020/02/Abschlussbericht_Medikamentenabh%C3%A4ngigkeit_Frauen-1.pdf

Nef, S., & Streckeisen, P. (2019). Soziale Arbeit und Intersektionalität. Zur Relevanz des Konzepts und zu offenen Fragen in Theorie und Praxis. SozialAktuell, 3, 8-12. Verfügbar unter digitalcollection.zhaw.ch/bitstream/11475/16092/4/Nef_Soziale_Arbeit_und_Intersektionalit%C3%A4t_SozialAktuell_03_2019.pdf

Pixa-Kettner, U., Bargfrede, S., & Blanken, I. (1996). Dann waren sie sauer auf mich, dass ich das Kind haben wollte. Eine Untersuchung zur Lebenssituation geistig behinderter Menschen mit Kindern in der BRD. Baden-Baden: Nomos.

Zinsmeister, J. (2006). Staatliche Unterstützung behinderter Mütter und Väter bei der Erfüllung ihres Erziehungsauftrages. Rechtsgutachten im Auftrag des Netzwerks behinderter Frauen Berlin e.V. mit Unterstützung der Aktion Mensch. Verfügbar unter www.elternassis-tenz.de/doku/rechtsgutachten.pdf


Niklas Helsper
Projektkoordination und inhaltlicher Ansprechpartner
Forschungsprojekt Steuerungswissen und Handlungsorientierung für den Aufbau effektiver interdisziplinärer Versorgungsnetzwerke für suchtbelastete Familien
IKJ Institut für Kinder- und Jugendhilfe gGmbH
helsper(at)ikj-mainz.de 


Monika Feist-Ortmanns
Projektkonzeption und -verantwortung
Forschungsprojekt Steuerungswissen und Handlungsorientierung für den Aufbau effektiver interdisziplinärer Versorgungsnetzwerke für suchtbelastete Familien
IKJ Institut für Kinder- und Jugendhilfe gGmbH
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